Die Vorwörter früherer Ausgaben

Eine kleine nostalgische Sammlung



1. Auflage (1873) | 2. Auflage (1874) | 6. Auflage (1890) | 8. Auflage (1905) | 10. Auflage (1914) | 11. Auflage (1953)


Die von Menge verfassten Vorwörter sind der 10. Auflage von 1914 entnommen. Sie gewähren in mehrfacher Hinsicht interessante Aufschlüsse: über den Stellenwert des Werkes, über den jeweiligen Schulunterricht, über die Reaktionen der Leser (leider eher andeutungsweise) und nicht zuletzt über die Liebe, mit der der geistige Vater sein Lieblingskind jahrzehntelang gehegt und gepflegt hat - es ist eine bizarre Koinzidenz, dass die von Menge selbst veranlassten Veröffentlichungen (wenn man die ersten Materialien im Jahre 1871 hinzunimmt) zeitlich exakt in die bis dahin längste Friedenszeit fällt, in die Epoche des Zweiten Deutschen Reichs (1871-1914).
Nach dem ersten Weltkrieg wird der Menge nicht wieder aufgelegt, obwohl Vorarbeiten für eine 11. Auflage vorhanden waren (vgl. das Vorwort von Thierfelder). Erst 1953, 14 Jahre nach Menges Tod, erschien die 11. Auflage.



1. Das Vorwort zur ersten Auflage (1873)

Man sollte erwarten, daß, wenn die Schüler unserer Gymnasien ("der lateinischen Schulen") das Lateinische 7-8 Jahre lang in wöchentlich 8-10 Stunden getrieben haben und zwar so, daß die grammatische Seite beim Unterricht die vorzugsweise betonte ist, die nach Prima versetzten Sekundaner ihre Grammatik, sei es Zumpt oder Berger oder Schultz oder Ellendt-Seyffert, wie ein Vaterunser am Schnürchen hätten, und daß in Prima für die Grammatik nichts Bedeutendes mehr zu geschehen brauchte. Dass die Sache aber nicht so günstig steht, dass im Gegenteil das grammatische Wissen der angehenden Primaner fast durchgängig ein wenig befriedigendes ist und durchaus nicht der ungeheuren Kraft und Anstrengung entspricht, die von Lehrern und Schülern auf diesen Gegenstand eine lange Reihe von Jahren verwandt wird, muß jeder unbefangene Lehrer, der über diesen Punkt aus eigener Praxis ein Urteil hat, sofort zugestehen. Oder wäre ich im Irrtum, wenn ich behaupte, dass bei weitem die meisten Primaner in der Formenlehre eine bedauerliche Unsicherheit manifestieren, und dass selbst viele wichtige Regeln der Syntax entweder terra incognita sind oder wie einst Delos als unfixierte Eilande im Meere umherschwimmen? Oder wäre es nicht wahr, dass fast auf jeder Direktorenkonferenz das Thema ventiliert wird: "Wie ist der lateinische Unterricht auf unseren Gymnasien einzurichten, um günstigere Resultate als bisher zu erzielen?"

Wenn nun die Sache so liegt, so tritt an jeden Lehrer, dem die Korrektur der lateinischen Aufsätze und Exercitien in Prima anvertraut ist, die unerläßliche Forderung heran, die Grammatik fortwährend mit seinen Schülern zu behandeln, um Vergessenes wieder zurückzurufen und Unbekanntes ihnen zuzuführen; denn solange die Grammatik nicht unbedingt festsitzt und in allen ihren Teilen beim Schüler in Fleisch und Blut übergegangen ist, werden auch in den schriftlichen Leistungen die schlimmen Flecke der menda grammaticalia nicht verschwinden, die, wie jeder Primaner selbst am besten weiß, auch das stilistisch tadelloseste Skriptum entstellen.

Als dem Verfasser dieses Buches vor etwa sechs Jahren der grammatische und stilistische Teil des lateinischen Unterrichts in Prima übertragen wurde, kam er sehr bald zu der Erkenntnis der eigentümlichen Schwierigkeiten dieser Disziplin. Er sollte es dahin bringen, dass die Primaner bei ihren Arbeiten stets Rücksicht auf die feineren Gesetze der Stilistik nähmen, und fand doch überall, dass ihnen ein bedeutender Teil der groben Elementargrammatik abging. Es waren ihm wöchentlich nur drei Lektionen angewiesen; eine derselben sollte auf die Durchnahme der zu Hause angefertigten Exercitien, eine auf ein anzufertigendes Extemporale und eine auf die Besprechung der Aufsätze verwandt werden. Die Zeit, die dabei für Repetition der Grammatik übrig blieb, war offenbar sehr beschränkt, zumal da ja auch die Behandlung der Stilistik ihr Recht forderte. Zwar ließen sich an die Durchnahme der Exercitien und Aufsätze überall Regeln knüpfen; aber der Übelstand, der dabei blieb, war, dass, wenn eine Regel genau durchgenommen und auch von den Schülern aufgefaßt war, dieselbe doch, da sie nur mündlich mitgeteilt und nicht schriftlich zur Repetition aufgezeichnet war, nach kurzer Zeit wieder vergessen wurde. Auch war es unmöglich, auf diese Weise ein festes System in die Sache zu bringen und einen größeren Teil der Grammatik im Zusammenhange zu behandeln. Um dieses zu erreichen, mußte die Grammatik selbst zur Hand genommen und abschnittweise durchgenommen werden. Der Verfasser fand die Grammatik von Zumpt vor und behielt dieselbe bei, obgleich er die von Schultz für vorzüglicher hielt.

Aber wie war es nun möglich, nach derselben zu repetieren? Der Verfasser erklärt von vornherein, dass es ihm nicht möglich gewesen ist, irgendwelches Resultat damit zu erreichen, obgleich er die Sache mit Energie angriff und keine Mühe scheute. Er erinnert sich noch, um ein Beispiel anzuführen, an folgendes: Es waren §§ 523-530 zur Repetition aufgegeben; in der bestimmten Stunde sollte einer der besseren Schüler den Inhalt dieser Paragraphen angeben; derselbe hatte das Pensum offenbar repetiert, so sauer ihm diese Aufgabe auch geworden sein mochte, war aber nicht imstande, meiner Aufforderung nachzukommen, und es fand sich überhaupt keiner, der es vermocht hätte. Alle erklärten, sie hätten sich durch die Paragraphen nicht durchfinden können und seien jetzt erst recht verwirrt geworden. Und ihr Lehrer konnte ihnen nicht abfallen; denn er mußte gestehen, dass es ihm selbst sauer geworden war, die betreffenden Paragraphen zu repetieren und sich ihren Inhalt vollständig klarzumachen. Noch schwieriger aber wurde das Repetieren nach Zumpt, wenn in die Formenlehre zurückgegriffen werden mußte, z. B. auf die Komparation der Adjektive; das Resultat war gleich Null, und schon nach wenigen Wochen war es klar geworden, dass eine Grammatik, wie die von Zumpt ist, in der Hand von Schülern zum Repetieren durchaus unbrauchbar sei.

Bei weiterer Überlegung fand ich, dass auch die übersichtlichere und klarere Grammatik von Schultz und die kompendiöse Grammatik von Berger dem in Rede stehenden Zwecke nur mangelhaft entsprechen würden; vielmehr mußte nach meiner Ansicht ein Buch speziell für diese Bestimmung geschaffen werden. Ich schlug deshalb den allerdings mühseligen Weg ein, für meine Schüler die lateinische Grammatik   und zugleich auch die Stilistik und Synonymik   selbst zu bearbeiten, damit die Primaner danach repetieren könnten. Dieses Unternehmen schlug durch; die Sache ging gut, der Erfolg war ein augenscheinlicher. Anfangs war ich mir über den einzuschlagenden Weg noch nicht klar gewesen; allmählich klärte sich die Methode, und als nach zwei Jahren der Kursus vollendet war, konnte ich mir mit Freuden sagen, dass ich etwas erreicht hatte, was ich ohne diesen Weg schwerlich erreicht hätte.

Die Grundsätze, die ich befolgte, waren in kurzem folgende:

1. Die äußere Form, in der die Regeln gegeben wurden, bestand in kurzen, bestimmten Fragen, wie sie der Lehrer dem Schüler vorlegt. Dieselben wurden, mit Zahlen bezeichnet, für sich apart in ein besonderes Heft geschrieben; in einem anderen Hefte standen die entsprechenden Antworten. Jede Frage bildete ein für sich bestehendes kleines Ganze.

2. Der grammatische Stoff sollte in der größten Vollständigkeit gegeben werden; es durfte nichts fehlen, was irgendwie wichtig war. Unpraktisch wäre es aber gewesen, a) solche Sachen aufzunehmen, die bei jedem Schüler der Sekunda vorausgesetzt werden müssen, und b) solche Ausnahmen und Besonderheiten der Klassiker zu berücksichtigen, die kein Schüler zu wissen braucht, weil er sie doch nicht praktisch verwerten kann.

3. Zugleich mußte aber auch der Stilistik und Synonymik ihr Recht gegeben werden. Ich wollte erreichen, dass die Primaner nur dies eine Buch für ihren Gebrauch bedurften; denn nichts kann störender und mißlicher sein, als für eine Disziplin mehrerer Werke zu bedürfen. Es ist schwer genug, den Schüler mit einem Buche hinlänglich vertraut zu machen. Innerhalb welcher Grenzen sich die Stilistik und Synonymik zu halten hatte, darüber mußte lediglich das praktische Bedürfnis entscheiden.

4. Eine besondere Aufmerksamkeit mußte auf die Wahl der Beispiele verwandt werden. Ich wußte ja, dass den meisten Schülern ihre Grammatik deshalb so wenig liebsam war, weil die aus den Klassikern genommenen, zum großen Teile aus dem Zusammenhange gerissenen Sätze nichts Anziehendes für sie hatten. Es war mein Bestreben, überall geschmackvolle, lehrreiche und interessante Sätze zu bilden und solche mit abstraktem Inhalte möglichst zu vermeiden.

5. Wo es anging, veranlaßte ich durch die Art der Fragestellung die Schüler, aus gegebenen Beispielen die betreffende Regel selbst durch eigene Kraft zu finden. Auch mußten Sätze mit versteckten Fehlern gegeben werden, damit der Schüler auf diesem in unsern Grammatiken gänzlich versäumten Wege lernte, sich vor Fehlern zu hüten.

6. Wenn ich auch die Wahrheit des von Nägelsbach ausgesprochenen Satzes: "Ein blinder Ciceronianismus ist Unnatur" vollständig anerkannte, so konnte ich doch nicht umhin, stets auf Cicero zurückzugehen und diesen als Vorbild aufzustellen, ohne damit dem Werte der anderen Klassiker Abbruch tun zu wollen.

Von dem nach diesen Grundsätzen bearbeiteten Werke erscheint hiermit die erste Hälfte, der die zweite, so Gott will, bald nachfolgen soll. Es ist mein herzlichster Wunsch, dass die Gabe, welche ich den Gymnasien und der studierenden Jugend biete, an vielen Stellen Segen schaffen und zum Eindringen in das Wesen der lateinischen Sprache beitragen möge. Zugleich bitte ich aber alle sachkundigen Männer, denen das Buch vor die Augen kommt, um schonende Beurteilung und um eine milde Kritik, wenn nicht jedem alles gefällt oder wenn manches nicht wohl gelungen zu sein scheint.

Es bleibt noch übrig, über zwei Punkte ein Wort zu sagen. Manchem könnte es vielleicht ungerechtfertigt erscheinen, dass unter den Fragen gar nicht wenige sind, die für einen Priamaner zu erbärmlich, für sein unfraglich vorhandenes Wissen geradezu beleidigend scheinen. Ja, es mag sein, dass solche Fragen für viele Primaner überflüssig sind; davon bin ich aber fest überzeugt, dass in dem Buche nicht eine einzige Frage sich findet, auf welche alle Schüler einer Prima sofort genügende Antwort geben können, und jedenfalls schadet es nicht, wenn auch leichtere Sachen, die nach Quinta zu gehören scheinen, noch einmal aufgefrischt werden.

Was sodann die Benutzung bereits erschienener latein. Lehrbücher betrifft, so habe ich von den Arbeiten von Schultz, Zumpt, Madvig, Ellendt-Seyffert, Berger, Fromm, Krüger, Krebs, Goßrau, Haacke, Meiring, Englmann, Hoffmann, Lattmann, Höchel usw. in der Weise Gebrauch gemacht, dass ich, wo es irgend anging, die eigenen Worte derselben ohne Abänderung aufgenommen habe. Ich habe dies Verfahren für das würdigste gehalten. Trotzdem glaube ich hoffen zu dürfen, dass mir niemand den Vorwurf machen werde, mein Buch habe lediglich kompilatorischen Wert.

Indem ich nun das Buch dem geneigten Wohlwollen und der schonenden Beurteilung aller Schulmänner empfehle, erlaube ich mir, allen Kollegen die dringende Bitte ans Herz zu legen, mich auf jeden Mangel, jedes Versehen, jede Unklarheit gütigst aufmerksam zu machen und mich mit passenden Beiträgen unterstützen zu wollen, damit das Buch, allmählich in allen Teilen verbessert und aller Einseitigkeit enthoben, den Schülern der oberen Gymnasialklassen namentlich bei ihren Privatstudien zu wahrem Frommen und Segen gereiche.

Holzminden, den 4. Dez. 1872

Menge.



2. Das Vorwort zur zweiten Auflage (1874)

Der ersten Auflage des Repetitoriums, das ich mit bangem Herzen in die Welt geschickt hatte, ist eine meine kühnsten Erwartungen übersteigende günstige Aufnahme zuteil geworden. Eingehende Rezensionen sachkundiger Männer, die in der Berliner Gymnasial-Zeitung, in Fleckeisens Jahrbüchern und in der Jenaer Literatur-Zeitung sich über das Buch ausgesprochen, haben anerkannt, dass die von mir befolgte Methode ihre nicht zu unterschätzenden Vorzüge habe. Das Buch hat gleich nach seinem Erscheinen in zahlreichen Gymnasien Deutschlands und des Auslands Aufnahme gefunden. So ist es gekommen, dass die erste starke Auflage nach Verlauf von kaum anderthalb Jahren vergriffen ist.

Die neue Auflage hat in allen Teilen eine durchgehende Revision und, wie ich behaupten zu dürfen glaube, eine wesentliche Verbesserung erfahren. Nicht nur sind zahlreiche Versehen berichtigt und in der ersten Bearbeitung noch fehlende Materien nachgetragen, sondern es sind auch viele Regeln bestimmter gefaßt oder durch lehrreiche Sätze illustriert. Von den zahlreichen Beiträgen und Verbesserungsvorschlägen, welche mir von Kollegen aus den verschiedensten Gegenden zugegangen sind, habe ich alles berücksichtigt, soweit es mir eine reifliche Überlegung zur Pflicht machte. Zu ganz besonderem Danke bin ich aber den Herren Gymnasiallehrern Dr. Warschauer zu Breslau und Dr. Meusel zu Berlin verpflichtet, welche das Buch mit unermüdlicher Aufmerksamkeit durchgesehen und mir mit der größten Güte ihre inhaltreichen Bemerkungen übermittelt haben. Neu hinzugekommen ist ein Anhang, in welchem eine Anleitung zur Abfassung lateinischer Aufsätze gegeben wird, und eine für die Bedürfnisse der Schule berechnete Synonymik ist separat dazu erschienen.

So möge denn das Buch in seiner neuen Form zum zweitenmal seinen Weg in die Welt antreten, möge den alten Freunden in der veränderten Gestalt nicht unlieb sein und sich unter Lehrern und Schülern neue Freunde erwerben! Sollte dasselbe den gleichen Beifall wie bisher finden, so würde ich mich für meine Arbeit überreich belohnt fühlen.

Holzminden, den 1. Juli 1874

Menge.



3. Das Vorwort zur sechsten Auflage (1890)

Wenngleich das Buch in der neuen Auflage bezüglich der Anordnung des Stoffes keine Änderungen erfahren hat, so ist es doch in allen seinen Teilen in solchem Umfange ergänzt und berichtigt, dass es an mehr als einer Stelle eine völlig neue Arbeit zu sein scheint. Ich hoffe durch die Mühe, welche ich seit dem Erscheinen der vorigen Auflage unausgesetzt auf das Werk verwandt habe, mir den Beifall sachkundiger Kollegen erworben und den Wert desselben wesentlich erhöht zu haben; ja ich glaube, ohne den Vorwurf der Selbstüberhebung befürchten zu müssen, zu der Behauptung berechtigt zu sein, dass es in unserer Literatur kein zweites Lehrbuch gibt, welches dem praktischen Schulmanne eine gleich vielseitige und zuverlässige Auskunft über den Sprachgebrauch der klassischen Latinität bietet. Dabei bin ich freilich weit davon entfernt, die Augen gegen die Überzeugung zu verschließen, dass meine Arbeit die wirkliche Vollkommmenheit noch längst nicht erreicht hat; haben mir doch meine auch während des Druckes der vorliegenden Auflage fortgesetzten Studien im Laufe der letzten Monate schon wieder einen reichen Stoff zur Berichtigung oder Ergänzung vieler in dieser neuen Bearbeitung enthaltenen Angaben geliefert. Ich hoffe, wenn auch erst nach längeren Jahren auf das Titelblatt einer neuen Auflage der Wahrheit gemäß die Angabe setzen zu können, dass das Buch wiederum vielfach verbessert sei.

Von einer speziellen Anführung der zahlreichen von mir für die vorliegende Bearbeitung benutzten wissenschaftlichen Hilfsmittel glaube ich hier absehen zu dürfen; dem sachkundigen Schulmanne sind ja die betreffenden Arbeiten ohne weiteres von selbst bekannt. Auch habe ich mein seit der ersten Auflage befolgtes Verfahren streng festgehalten, alles Entlehnte dem Wortlaute nach ohne Abänderung aufzunehmen, falls mir nicht ausnahmsweise eine teilweise Änderung geboten zu sein schien. Es wird demnach jeder, dessen Arbeiten ich benutzt habe, dasjenige, was ich von ihm entlehnt habe, unverschleiert und unverhüllt bei mir so vorfinden, wie er es selbst der Außenwelt geboten hat. Ist demnach auch mein Buch in vielen, ja zahllosen Einzelheiten an fremden Tischen zu Gaste gegangen, so ist es dennoch, als ein Ganzes betrachtet, mein geistiges Eigentum und eine selbständige Arbeit, welche ich der wohlwollenden Berücksichtigung aller Kollegen freundlichst zu empfehlen mir erlaube.

Sangerhausen, den 10. Juni 1890.

Menge.

 


4. Das Vorwort zur achten Auflage (1905)

Die Wahrheit des Spruches: "On revient toujours à ses premiers amours" hat sich bei mir glänzend bewährt. Als ich vor 33 Jahren als junger Lehrer die erste Auflage des vorliegenden Buches mit glühender Begeisterung abgefaßt und darauf bei Bearbeitung der zweiten und dritten Auflage die zahlreichen Mängel, an denen das Werk infolge der unzulänglichen Erfahrung seines Verfassers gelitten, nach Kräften beseitigt hatte, nahmen teils meine wachsenden Amtsgeschäfte teils neue literarische Unternehmungen mich dermaßen in Anspruch, dass ich die Sorge für die Verbesserung meiner Arbeit, wenn auch nicht völlig aufzugeben, so doch auf ein verhältnismäßig geringes Maß zu beschränken gezwungen war. Dazu kam, dass infolge der Einführung der neuen Lehrpläne (i. J. 1892), durch deren Bestimmungen dem Unterrichte in der lateinischen Grammatik die stärksten Wurzeln abgeschnitten und dem Unterrichte in der lateinischen Stilistik die Berechtigung aberkannt worden war, mein Interesse an dem Buche eine schwere Einbuße erlitten und die Überzeugung sich in mir festgesetzt hatte, dass das Buch keine Existenzberechtigung mehr habe.

In dieser trüben Anschauung tat ich für die Verbesserung des Buches so gut wie nichts, verwandte vielmehr die freie Zeit, die mir nach meiner Pensionierung in reichem Maße zu Gebote stand, in erster Linie auf lexikalische Arbeiten, die sich eines ungewöhnlichen Beifalles zu erfreuen hatten. Da vollzog sich plötzlich vor etwa drittehalb Jahren ein bedeutsamer Wandel in mir, als mein Verleger mir die Mitteilung machte, dass von dem Buche demnächst eine neue Auflage erforderlich sein werde. Ich fühlte mich auf der Stelle von derselben Begeisterung ergriffen, die mich vor einem Menschenalter bei der Arbeit an dem Buche durchglüht hatte, und wurde sofort zu dem Entschlusse getrieben, die ganze mir noch zu Gebote stehende Kraft an die Verbesserung des Buches zu setzen und dasselbe wenigstens annähernd zu der Vollkommenheit emporzuheben, deren Erreichung ich in jüngeren Jahren vergebens erstrebt hatte. Und diese freudige Begeisterung hat zwei volle Jahre hindurch ungeschwächt bei mir angehalten und es mir möglich gemacht, das Buch in allen seinen Teilen so zu verbessern, dass es vielfach eine völlig neue Arbeit geworden ist und, wie ich überzeugt bin, nunmehr jedem praktischen Lehrer als ein zuverlässiges Repertorium dienen kann. Schätzenswerte Beiträge zur Erreichung dieses Zieles sind mir in den letzten Jahren von mehr als einer Seite zugegangen, meist einzelne Bemerkungen, die seitens der freundlichen Spender zur Berichtigung kleinerer Versehen bestimmt waren und gewissenhaft von mir benutzt worden sind. In großem Maßstabe haben sich dagegen die Herren Gymnasialdirektor Dr. von Hagen zu Neuhaldensleben, Professor Dr. Brunco zu Bayreuth und Gymnasialdirektor Dr. Stegmann zu Norden um das Buch verdient gemacht und mich zu aufrichtigem Danke verpflichtet. Besonders der letztgenannte Herr Kollege hat mir eine Fülle der wertvollsten Beiträge übermittelt, die zum größten Teile Ergebnisse eigener, umfassender Studien bilden. Ich erlaube mir, ihm für seine Güte an dieser Stelle meinen besonderen Dank auszusprechen.

Übrigens bezeichnet die vorliegende Neugestaltung des Buches durchaus nicht ein Aufgeben des ursprünglichen Programms, vielmehr sind die von jeher für mich maßgebend gewesenen Grundsätze in allen wesentlichen Punkten festgehalten, ja , in mehr als einer Beziehung noch konsequenter durchgeführt worden. Die einzige erhebliche Neuerung, die das Buch aufweist, besteht darin, dass die zahlreichen Übersetzungsbeispiele, die früher zur Einübung der Elementargrammatik dem Buche beigegeben waren, in Wegfall gekommen und durch Verweisungen auf meine "Materialien zur Repetition der lateinischen Grammatik" ersetzt sind. Nach meiner Überzeugung bedeutet auch diese Maßnahme eine Verbesserung des Buches. Denn ich habe dadurch nicht nur Raum für die außerordentliche Erweiterung des theoretischen Teiles gewonnen und eine übermäßige Anschwellung des äußeren Umfanges verhütet, sondern auch Bestandteile ausgemerzt, die den Wünschen und Bedürfnissen der meisten Lehrer und Studierenden nicht entsprachen, da sie lediglich auf die Einübung der Elementargrammatik berechnet waren, während doch das vorliegende Buch viel höheren Zielen dienen soll. Wem jedoch daran liegt, Übersetzungsstoff zur Repetition der gewöhnlichen Grammatik in die Hand zu bekommen, dessen Wünschen ist durch die Verweisungen auf meine "Materialien" in jeder Beziehung Rechnung getragen; denn in jenem Buche sind nicht nur die jetzt in der neuen Bearbeitung dieses Werkes beseitigten Beispiele ausnahmslos anzutreffen, und zwar oftmals in erweiterter und verbesserter Gestalt, sondern es ist daselbst überhaupt ein bedeutend reicheres Material zusammengetragen, das, wie ich sicher hoffe, allen berechtigten Forderungen entspricht. (Ich gestatte mir, hier im voraus darauf aufmerksam zu machen, dass nicht selten im vorliegenden Repetitorium bei Verweisung auf die "Materialien" Sätze angegeben sind, die sich in der jetzigen vierten Auflage jenes Hilfsbuchs nicht finden. Ich bemerke zur Aufklärung dieses Umstandes, dass die betreffenden Angaben in diesem Falle sich auf die fünfte vermehrte Auflage der Materialien beziehen, die voraussichtlich in nicht zu ferner Zeit erscheinen wird. Der Benutzung des vorliegenden Buches tut übrigens dieser an und für sich geringfügige Übelstand nicht den geringsten Eintrag.)

Das Urteil über den Wert des Buches in seiner jetzigen Gestalt überlasse ich getrost dem Urteile sachkundiger Schulmänner. Alle diejenigen, welche meiner Arbeit vordem ihren Beifall geschenkt haben, werden absit invidia verbo der neuen Auflage mindestens die gleiche Liebe entgegenbringen; manche von denen, welche früher an dem Buche zu tadeln fanden, werden vielleicht jetzt demselben einige Berücksichtigung schenken; diejenigen aber, welche nach wie vor den von mir eingeschlagenen Weg für verfehlt erklären, mögen wir wenigstens gestatten, in einer Zeit, in welcher über die Ziele und die Methode des lateinischen Gymnasialunterrichts eine beängstigende Unklarheit herrscht, den Weg zu verfolgen, welchen ich in Gemeinschaft mit vielen praktischen Schulmännern für einen guten und richtigen gehalten habe und jetzt noch halte.

Goslar a. Harz, 9. Mai 1905.

Dr. Herm. Menge.

 


5. Das Vorwort zur zehnten Auflage (1914)

Die vorliegende zehnte Auflage hat, wie schon der äußere Umfang des Buches erkennen läßt, mehr Zusätze und Ergänzungen aufzuweisen als irgend eine frühere Ausgabe. Es ist meine ernstes Bestreben gewesen, die Ergebnisse, die die wissenschaftlichen Forschungen auf dem Gebiete der lateinischen Grammatik und Stilistik in den letzten zwei Dezennien zutage gefördert haben, meinem Buche zugute kommen zu lassen. Die Zahl der Abhandlungen, Programme und Dissertationen, die ich zur Erreichung dieses Zieles durchgearbeitet habe, ist sehr ansehnlich, und dass ich größere Werke, wie Wölfflins Archiv und die Arbeiten von C. F. W. Müller, Neue-Wegener, Meusel, Schmalz (Syntax und Antibarbarus), Landgraf, Kühner-Stegmann (1. Bd.), Nägelsbach-Müller, Riemann, Lebreton, Blase, Bennett, Fügner, Brenous u. a., besonders auch die Kommentare zu den lateinischen Schriftstellern im weitesten Umfange für meine Zwecke benutzt habe, wird keinem Fachmanne entgehen. Eine vorurteilsfreie Beurteilung meiner Arbeit wird, wie ich zu hoffen wage, anerkennen, dass mein Buch in der jetzigen Auflage an Wert gewonnen habe, und ich selbst glaube mich der Erwartung hingeben zu dürfen, dass dasselbe trotz mancher Mängel, die ihm auch jetzt noch anhaften, in noch höherem Grade als bisher von vielen Lehrern unserer höheren Schulen und von vielen Studierenden für würdig gehalten werden wird, zu den standard-works ihres Schreibtisches zu gehören. Diesen Freunden meiner Arbeit erlaube ich mir zum Schluß die Bitte recht dringend ans Herz zu legen, mich auf Fehler und Versehen, die ihnen bei Benutzung meines Buches aufstoßen, gütigst hinweisen und mich mit Beiträgen unterstützen zu wollen. Es wird auch in Zukunft mein andauerndes Bestreben sein, trotz meines Alters an der Verbesserung dieses meines Erstlingswerkes mit Eifer zu arbeiten, solange die Kräfte dazu mir zu Gebote stehen.

Goslar a. Harz, 1. März 1914.

Dr. Hermann Menge.

 


6. Das Vorwort zur 11. Auflage, der Bearbeitung von Andreas Thierfelder (1953)

Eine neue Auflage der bewährten Repetitorien von Hermann Menge (1841-1939), die viele Jahre vergriffen waren, wurde seit langem als Bedürfnis empfunden: gibt es doch im In- und Ausland kein Lehrbuch, das in dem gleichen Maße wissenschaftlich gründlich und pädagogisch geschickt auf dem Wege des Selbststudiums die syntaktischen und stilistischen Erscheinungen der beiden klassischen Sprachen einübt.

Das "Repetitorium der lateinischen Syntax und Stilistik", das hiermit als erstes im Neudruck vorgelegt wird, ist aus der Praxis von Menges Gymnasialunterricht hervorgewachsen. Der junge Lehrer am Gymnasium in Holzminden bereitete sich auf die grammatischen Lehrstunden in der Weise vor, dass er die Darbietung des Stoffes vorher in Form eines Frage- und Antwortspiels festlegte. Um den Schülern die Möglichkeit zur Wiederholung zu geben, diktierte er ihnen den so gefaßten Stoff: in ein Heft wurden die Fragen, in ein anderes die Antworten geschrieben, jeweils Frage und Antwort mit der gleichen Nummer versehen. Auf Drängen seines Schuldirektors veröffentlichte Menge zunächst 1871 einen Teil dieser originellen lateinischen Syntax als Programmabhandlung, der zwei Jahre später die erste Gesamtausgabe folgte. Die Zielsetzung "für die oberste Gymnasialstufe" blieb bis zu der 4. Auflage (1881) beibehalten, deren Umfang denjenigen der ersten um mehr als die Hälfte übertraf. Dagegen brachte die "5., vollständig umgearbeitete Auflage" (1885) den Untertitel: "Ein Lernbuch für Studierende und vorgeschrittene Schüler, zugleich ein praktisches Repertorium für Lehrer". Und die Wandlung vom reinen "Repetitorium" zum "Repertorium" bedeutete mehr als ein artiges Wortspiel: das Buch brachte jetzt an Einzelheiten soviel, dass die gedächtnismäßige Einprägung des Inhalts aller Paragraphen nicht mehr erwartet werden konnte; manchen derselben sollte man offenbar bloß noch nachschlagen. Damit gab Menges Werk seine einheitliche Zielsetzung auf und trat teilweise in Konkurrenz zu wissenschaftlichen Darstellungen der lateinischen Syntax: in erster Linie zu der "Ausführlichen Grammatik der lateinischen Sprache" von Raphael Kühner (1878/79), die in der Tat nicht allen Ansprüchen genügen konnte. In der genannten Richtung hat Menge sein Buch durch die folgenden Auflagen hindurch verbessert und vor allem erweitert. Bei der Ausarbeitung der 8. Auflage (1905) ließ er einen großen Teil der mitgeführten Übungssätze samt zugehörigen Musterübersetzungen weg und ersetzte sie durch Hinweise auf ein anderes Werk offenbar um Raum für immer neue Einzelheiten des "Repertoriums" zu schaffen. In der 10. und letzten Auflage (1914) ist auf 661 Seiten (gegenüber 400 der ersten) eine imposante Masse grammatischen Stoffs zusammengetragen; fast zu jeder Regel, die eingeprägt werden soll, findet sich angemerkt, dass davon gelegentlich auch Ausnahmen   vielleicht bei Cicero selbst, oder doch bei Nachklassikern, oder wenigstens bei Dichtern   vorkommen, und gerade solche vereinzelte Abweichungen werden eingehend belegt. Da Menge hierbei die Scheidung in Fragen und Antworten immer beibehielt, ist am Ende geradezu eine wissenschaftliche lateinische Syntax in Katechismusform entstanden: ein Gebilde, an dessen Zweckmäßigkeit man doch zweifeln muß.

Menge selbst hatte die Absicht, sein Werk in der genannten Hinsicht immer noch weiter auszubauen. Durch die Güte eines inzwischen verstorbenen Sohnes des Verfassers, des Herrn Erich Menge in Hagen, besitzt der unterzeichnete Bearbeiter seit 1942 Hermann Menges Handexemplar der 10. Auflage, in welchem der gesamte Text für die geplante 11. Auflage vorbereitet ist. Zahllose Einschaltungen betreffen jede Seite des Antwort-Teils und zeigen den Fleiß, den der Verfasser auch in den letzten Jahrzehnten seines Lebens noch an das lateinische Repetitorium gewandt hat. Dass es zu jener 11. Auflage nicht kam, mag wohl nicht allein an den äußerlichen Schwierigkeiten der Jahre nach dem ersten Weltkrieg gelegen haben. In dem gleichen Jahr wie Menges 10. Auflage, 1914, hatte die Neubearbeitung des syntaktischen Teils der Kühnerschen Grammatik durch Carl Stegmann ihren Abschluß erreicht. Diese vorzügliche Darstellung des lateinischen Sprachgebrauchs hauptsächlich der Klassiker, in zweiter Linie der Vor- und der Nachklassiker etwa bis Sueton, stimmte natürlich in vielen Dingen mit dem "Menge" überein, konnte aber noch bedeutend mehr an Einzelheiten und Belegen bringen als das Repetitorium, wenn dieses ein "Lernbuch für Studierende" bleiben sollte. Als weiteres mustergültiges Werk erschien 1928 die Neubearbeitung der "Lateinischen Grammatik" von Stolz-Schmalz, insbesondere ihres syntaktischen Teils durch Joh. Bapt. Hofmann: hier wurde der ganze syntaktische Stoff sprachwissenschaftlich neu durchdrungen und alle Erscheinungen an Hand weniger, sinnvoll ausgewählter Belege von der ältesten Stufe bis in das Spätlatein verfolgt. Mit diesen umfassenden Werken im Rahmen des "Repetitoriums" Schritt zu halten ist offenbar weder möglich, noch wäre der Nutzen ersichtlich. Vielmehr bleibt als Schlussfolgerung nur übrig, dem Repetitorium wieder mehr den Charakter eines Lernbuches zu geben, und das heißt in diesem Falle: auf eine Auflage zurückzugreifen, in der dieser Charakter noch überwog. Was Menge an gelehrter Arbeit an die folgenden Auflagen (einschließlich der Vorbereitung der elften) gewandt hat, soll darum nicht verloren sein: man müßte es wohl in geeigneter Art, etwa in Form von Anhängen, dem dringend erwünschten Neudruck der Syntax von Kühner-Stegmann zugute kommen lassen.

Der in dieser Beschränkung durchgeführte Rückgriff auf die 7. Auflage von 1900 hat also vor allem den Vorteil, daß mehr Übungssätze und Musterübersetzungen geboten werden; ferner dass die Grundzüge des klassischen Sprachgebrauchs schärfer hervortreten. Um dieser pädagogischen Vorteile willen mußte anderes in Kauf genommen werden. Denn die Zeitverhältnisse schlossen leider einen Neusatz des Textes aus und erlaubten nur einen photomechanischen Neudruck der gwählten 7. Auflage. Davon zeugt augenfällig die vorputtkamersche Rechtschreibung: der Benutzer wird an ihr um so weniger Anstoß nehmen, als auch andere Neudrucke älterer Werke, durch die sich die Wissenschaftliche Buchgemeinschaft so verdient gemacht hat, die gleiche Eigenheit aufweisen. Ferner hatte Menge natürlich in den folgenden Auflagen von der achten ab sein Repetitorium nicht nur erweitert, sondern auch verbessert: das mußte auf dem Wege genauer Vergleichung festgestellt, und der berichtigte Text so formuliert werden, dass er ohne allzuviel Umsturz in die Anordnung der 7. Auflage eingeblendet werden konnte. Für die wohlgelungene Durchführung der technischen Seite dieser schwierigen Arbeit, bei der nur wenige ‚Zensurlücken‘ blieben, gebührt der Gottschalkschen Verlagsbuchhandlung und Druckerei lebhafter Dank.

Selbstverständlich konnte doch nicht alles, was zu berichtigen war, in dem Text selbst geändert werden: des öfteren war ein Verweis (durch Sternchen*) auf Nachträge nötig. Immerhin konnte der Grundsatz durchgeführt werden, dass nichts (mit Wissen des Herausgebers) im Text stehenblieb, was über den Sprachgebrauch unrichtige Auskunft gibt. Unvermeidbar war es, gelegentlich veraltete Erklärungen Menges im Text einfach stehen zu lassen und nur im Nachtrag auf die neuere Auffassung zu verweisen (fast durchweg handelt es sich übrigens um Erklärungsweisen, an denen Menge auch noch in der 10. Auflage festgehalten hatte). Jedenfalls ist es gelungen, den Umfang der "Nachträge"   die erfahrungsgemäß manchmal unbeachtet bleiben   ziemlich gering zu halten. Auf einige größere Stücke des Nachtrags, die aus der 10. Auflage stammen, ist übrigens im Text nicht bloß durch Sternchen, sondern außerdem mit ausdrücklichen Worten verwiesen. Die Herkunft des Nachgetragenen ist in den "Nachträgen" grundsätzlich angegeben. Im Text selbst waren derartige Angaben nicht möglich: auch dort ist die Quelle meist die 10. oder Menges Notizen für die 11. Auflage, sonst gelegentlich Kühner-Stegmann oder eigene Beobachtungen des Herausgebers. Übrigens ergaben sich (seltene) Fälle, in denen Menges Änderungen von der 7. zur 10. Auflage das Gegenteil von Verbesserung bedeuteten: hier ist also das Ältere absichtlich beibehalten worden.

In steigendem Maße war Menge dazu übergegangen, die lateinischen Beispielssätze mit Angabe des Fundortes zu versehen. Dies ist schon in der 10. Auflage der Fall und war für die 11. noch weiterhin geplant. Doch hatte sich auch in den nachgelassenen Notizen Menge noch nicht zu dem durchgreifenden Verfahren entschlossen, die Provenienz überall anzugeben. Das wäre ohne Zweifel wünschenswert und auch für die Musterübersetzungen, soweit sie Schriftstellern entnommen sind, zu erwägen. Aber beides ließe sich nur im Rahmen einer durchgreifenden Neubearbeitung ermöglichen, wie sie hoffentlich die Verhältnisse einer besseren Zukunft gestatten werden. Einstweilen wird der Interessierte die Fundorte an Hand der betreffenden Paragraphen bei Kühner-Stegmann, der Klassiker-Indices und Speziallexika und der Thesaurus ermitteln müssen.

Aufgabe einer Neubearbeitung wäre es auch, das "Deutsch" der Übungssätze zu reformieren. Dieses dem heutigen Leser in seiner Originalform darzubieten erregt dem Bearbeiter das größte Bedenken von allen. Ohne Zweifel hat auch Hermann Menge, als er vor hundert Jahren das Gymnasium besuchte, eine solche Sprache außerhalb des Unterrichts nicht geredet, wie wohl überhaupt niemand auf der Welt. Wer Sinn für Humor hat, findet in den Übungssätzen manche Anregung. Das Problem ist heute noch das gleiche wie zu Menges Probandenzeit: wie man durch eine vertretbare deutsche Formulierung den Lernenden zu einem bestimmten lateinischen Ausdruck hinführt. Neuere Schul-Übungsbücher verwirren den Anfänger leicht durch die Fülle der von vornherein mitgeteilten Möglichkeiten des deutschen Ausdrucks. Aber den "Studierenden und vorgeschrittenen Schülern" könnte man wohl etwas mehr Findigkeit zutrauen. Jedoch ist Menges Werk in seinem einübenden Teil von so einheitlichem Charakter, dass ohne große Änderungen, also ohne Neusatz langer Abschnitte, nicht auszukommen gewesen wäre. Einstweilen mag den Bearbeiter die Erwägung trösten, dass die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, darunter unsere besten deutschen Prosaiker, wohl ausnahmslos durch die Schule dieses Latein-Deutschs gegangen sind, ohne Schaden an ihrem Stil zu nehmen. Zumal bei Studenten wird die Festigkeit im eigenen deutschen Stil wohl so groß sein, dass sie das Vehikel zum Verständnis des Lateinischen, welches das "Menge-Deutsch" darstellt, sich nicht gerade zum stilistischen Vorbild erküren.

Der Untertitel, den Menge seinem Repetitorium von der 5. bis zur 10. Auflage beigab, bestimmte es in erster Linie als "Lernbuch für Studierende und vorgeschrittene Schüler". Mag sein, dass auch heute noch hie und da ein Gymnasiast zu dem Buche greift, an dem sich das von allerlei ‚Richtlinien‘ vorgeschriebene Wunder nicht vollziehen will, dass er Latein durch bloßes "Her-Übersetzen" lernt, und der gern auf eigene Hand weiterkommen möchte. In erster Linie wird das Werk wohl von Lateinstudenten benutzt werden, von denen die Examensordnung auch heute noch ein Mindestmaß aktiver Beherrschung des Lateinischen verlangt. Ein elementares Erfordernis philologischer Interpretation, nämlich die Aufgabe, stilistische Absichten zu erkennen, kann nur dann geleistet werden, wenn der Interpret in der Lage ist, anzugeben, wie der betreffende Gedanke in anspruchslos-nüchternem ‚Normallatein‘ ausgesprochen werden würde. Als eine weitere schöne Frucht denke ich mir die Freude an aktiver Sprachhandhabung: diese Freude, die der Student des Lateinischen wohl seinen neuphilologischen Kommilitonen absehen könnte, würde belebend wirken. Wieweit einer praktischen Handhabung des Lateinischen im Universitätsunterricht Raum gegeben werden kann, mag von den jeweiligen Verhältnissen abhängen: neben bloßen Übersetzungsübungen sollte doch auch Gelegenheit zu freien Ausarbeitungen, etwa über textkritische Themen, geboten werden. Die lateinische Dissertation gehört im wesentlichen der Vergangenheit an: sie ist dem lateinischen Schulaufsatz gefolgt, für den Menge noch in einem Anhang (S. 391-401) Regeln gab (sie sind beibehalten wordem nicht zuletzt weil sie dem verständigen Benutzer allerlei von dem Handwerklichen der antiken Rhetorik verraten). In heutiger Zeit, da die Zahl der wissenschaftlich tätigen Völker beständig anwächst, sollten die klassischen Philologen, die als einzige (neben den Theologen) noch eine wirklich internationale Gelehrtensprache haben, sich sehr bedenken, diesen Schatz, zu dessen Hütern und Wahrern sie berufen sind, zerrinnen zu lassen.

Die Hoffnung, dass sein Werk auch dem Gymnasiallehrer des Lateinischen zum mindesten als "Repertorium" treu bleiben würde, hat Hermann Menge durch viele Jahrzehnte nicht getrogen. Beobachtung des antiquarischen Marktes zeigte, dass sich nicht leicht ein Lateinlehrer von seinem "Menge" trennte: die Repetitorien waren seit langem gesuchte Raritäten. So darf die neue Auflage darauf rechnen, auch im Kreise der Lehrer an höheren Schulen Leser und Freunde zu finden. An alle Benutzer aber, lernende und lehrende, ergeht die Bitte des Herausgebers, ihn auf Mängel des Werkes hinzuweisen: auf kleine, die bei etwa nochmaliger photomechanischer Erneuerung, und auf größere, die bei einer durchgreifenden Neubearbeitung abzustellen wären. Hermann Menge hat, wie seine unablässige Weiterarbeit beweist, sein Repetitorium niemals als abgeschlossen betrachtet und in den Vorreden zu den verschiedenen Auflagen dankbar zahlreicher Philologen gedacht, die ihm Verbesserungsvorschläge sandten. Es sei gestattet, auch in dieser Hinsicht die Tradition des verdienten Mannes fortzuführen.

Mainz, September 1953.

Andreas Thierfelder