Antwortforum

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Rezension von P. Helms, Forum Classicum 43,2,2000, 108-111

Die Rezension steht auch auf der Website des Forum Classicum im Internet.


Über eine solch kenntnisreiche, ausgewogene und gründliche Rezension, die zeigt, dass der Rezensent das Werk intensiv studiert hat, kann man sich als Autor nur freuen - und sich dafür bedanken. Im Folgenden wird auf die Stellen der Rezension geantwortet, an denen der Rezensent "mit den Bearbeitern nicht ... einer Meinung" (110) ist:


1. Die Beschränkung des Corpus auf Cicero und Caesar ist dem Rezensenten nicht "überzeugend genug" begründet worden (109). Er nennt als erstes Beispiel das bei Cicero und Caesar nicht belegte conditor 'Gründer', das bei Sallust und Livius in dieser Bedeutung belegt sei. Diese Aussage ist berechtigt, die Kritik nicht, da sie unseren Ansatz nicht trifft: Der neue Menge versteht sich als Grammatik zweier Autoren, und da diese beiden Autoren nun einmal die klassischen Autoren schlechthin sind, die nicht neben Sallust, Livius und Nepos rangieren, sondern vor ihnen, kann man diese beiden Autoren zur Grundlage einer klassischen normativen Grammatik machen, die aber in einer wissenschaftlichen Deskription ihre Grundlage hat. Wenn wir sagen, dass 'Gründer' bei Cicero creator heißt, aber nicht conditor, so ist dies zunächst Deskription. Würde man nun zu jedem Wort, zu jedem Ausdruck und jedem Phänomen noch die Ausdrucksmöglichkeiten bei Livius hinzunehmen, wäre der neue Menge etwas weniger dünn geworden. Wenn ich eine Grammatik Vergils schreibe, schreibe ich eben eine Grammatik Vergils und nicht des Properz, Ovid oder Horaz, auch wenn diese Dichter natürlich ebenfalls zur augusteischen Klassik gehören. Dass man dann aus der Deskription eine Norm macht, ist nur eine logische Konsequenz dieses Vorgehens. Unsere Fragestellung war nicht, wie man ein bestimmtes deutsches Wort zu einer bestimmten Zeit im Lateinischen wiedergegeben hätte, sondern wie ein Cicero oder Caesar es übersetzt hätte. Was in unserem Corpus nicht belegt ist, hat in der grammatikalischen Darstellung nichts zu suchen - dass unser Corpus sich aufgrund seiner Größe und thematischen Vielfalt sehr gut zum Lateinschreiben eignet, macht doch die Beschränkung auf eben dieses Corpus nicht illegitim.
Nun zum zweiten Beispiel des Rezensenten, das wörtlich zitiert sei: "orta luce ist, weil von Caesar gebraucht, genehm ... dagegen gleich strukturiertes orto sole, weil - eher zufällig - nur von Catull [carm. 63,67f. TB], verpönt." Von Catull ist bei uns nicht die Rede (dazu s.u.), außerdem erscheint sole orto durchaus bei Livius (z.B. 4,9,13). Weiter zur Begrifflichkeit: § 504,3 wird nicht gesagt, dass orta luce "genehm" ist, sondern es wird als Beispiel (aus dem gewählten Corpus) für ein PPP eines intransitiven Deponens im Ablativus Absolutus angeführt. Schaut man sich dann § 503,2f Anm. an, so steht dort lediglich, dass sole orto unklassisch ist - eine deskriptive Aussage, die erst durch das Dreieck normativ wird, dieses verbietende Dreieck ergibt sich aber aus dem Nichtvorhandensein (oder zu seltenen Nichtvorhandensein) im Corpus, ist eine Wendung also nicht belegt, muss sie konsequenterweise mit einem Dreieck versehen werden, das hat mit "verpönt" oder "nicht verpönt" nichts zu tun. Um aber noch über den Rahmen des neuen Menge hinauszugehen: Wenn für einen deutschen Ausduck eine klassische Wendung belegt ist, so ist es völlig unnötig, bei Dichtern (Catull!) nach entsprechenden Ausdrücken zu suchen, hierin besteht weder ein wissenschaftlicher Wert noch ein Gewinn für das Lateinschreiben. Wiederum wäre die Antwort nur sinnvoll auf eine Frage wie "Wie hätte ein Römer des 1. Jh. v. Chr. 'bei Tagesanbruch' wiedergegeben?", doch dann müsste man die entsprechenden Ausdrücke - zumindest unter Vorbehalt - klassifizieren: was ist dichterisch, was ein Hapax usw. Das war aber nicht das Ziel der Grammatik. Was das Argument der "gleichen Struktur" angeht, so kann man vor diesem verführerischen Schluss nicht allzu oft warnen: feststehende Ausdrücke lassen sich nicht so einfach grammatikalisieren, wenn ein Ausdruck für eine Sache vorhanden ist, unterscheidet er sich i.d.R. von einem synonymen Ausdruck durch pragmatische Kriterien, hier könnte man etwa die Opposition Dichter- vs. klassischer (und das heißt hier voraugusteischer) Prosasprache annehmen. Woher wissen wir denn, dass Livius' sole orto nicht die bewusste Übernahme eines Poetizismus ist?


2. Völlig recht hat der Rezensent, was die Begrifflichkeit hinsichtlich des Prädikatsnomens (von uns als Ergänzung des Prädikats definiert) betrifft (110). Hier sollte bei einer Neuauflage Einheitlichkeit geschaffen werden, indem man Ergänzung präzise als Ergänzung eines Verbs (oder einer Verbform) und nicht eines Prädikats definiert.


3. Den Dativ subsidio in subsidio mittere betrachtet der Rezensent als freie Angabe (110). Dann müsste subsidio aber in jedem beliebigen Satz auftreten können, unabhängig vom Prädikat, also etwa: *Gaius Claudio (Claudi) subsidio latronem prostravit. Dieser Satz ist ungrammatikalisch, man kann die Probe mit beliebigen anderen Verben durchführen, die keine Bewegung ausdrücken. Daher sind die als Dativi finales klassifizierten Dative nicht nur auf bestimmte Substantive beschränkt, sondern auch auf bestimmte Verben. Da nun der Dativus finalis eine Ergänzung darstellt, ist es, nach dem auf S.359-364 Dargelegtem, eigentlich unmöglich, ihm eine einzige semantische Rolle zuzuschreiben, was im neuen Menge lediglich als Tribut an die traditionelle Grammatik geschieht (s. S.364, gelobt vom Rezensenten [110]). Daher ist die Behauptung nicht berechtigt, dass der Dativ der Sache bei esse nicht den Zweck, sondern die Wirkung bezeichne. Schaut man sich daraufhin die Beispiele in § 333 (auf den der Rezensent verweist) an, so stellt man fest, dass bei aliquid alicui curae est oder amicis utilitati esse diese semantische Einordnung schwierig wird. Dem Rezensenten ist vorbehaltlos zuzugeben, dass der Dativus finalis bei esse ein Prädikatsnomen (und damit eine obligatorische Ergänzung) ist, was bei der Anlage des Dativ-Kapitels nicht deutlich werden kann, da wir der traditionellen Einteilung gefolgt sind und dort der Dativus finalis fakultative und obligatorische Ergänzungen umfasst.


4. Die kleineren Bedenken auf S. 110f. sind berechtigt, betreffen aber keine Fehler, sondern diskutable missverständliche (bzw. schwerfällige) Formulierungen unsererseits.


5. Unverständlich ist die Kritik an der Aussage, dass das Gerundivum immer passive Bedeutung habe (111). Die vom Rezensenten angegriffene Behauptung besagt, dass das Gerundivum in occasio armorum capiendorum passiv, das Gerundium in occasio arma capiendi aktiv ist; der Rezensent will nun offenbar aus der Tatsache, dass das Gerundium i.d.R. aktive Bedeutung hat (s. § 509,2) gefolgert wissen, dass dies wegen der Bedeutungsgleichheit der beiden Ausdrücke auch für das Gerundivum gelte. Sollte das wirklich der Fall sein, so müsste er zugeben, dass capta sunt in arma sunt capta ebenso aktive Bedeutung hätte wie ceperunt in der alternativen Formulierung arma ceperunt. Sollte das der Fall sein, so ist sein Einwand berechtigt. Ansonsten sollte man zwischen der Analyse einer einzelnen Verbalform, eines satzwertigen Ausdrucks und eines Vorgangs besser trennen. Die Aussage, dass capta und capienda passive Bedeutung haben, bezieht sich auf die jeweilige isoliert betrachtete Form, nach der man dann den ganzen satzwertigen Ausdruck beurteilt - ob der Vorgang aktiv oder passiv ist, das ist eine Frage, die außerhalb der Reichweite der Grammatik liegt.



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